Interview mit Horst Ganter: Wie funktioniert die DGM-Stiftung?
Autor: Stefan Mertlik
Drei Säulen für ein gemeinsames Ziel: Die Stiftung ist aus der Struktur der DGM nicht mehr wegzudenken. Aber warum braucht es sie eigentlich zusätzlich zum Haupt- und Förderverein? Mitgründer und Vorstand Horst Ganter spricht im Muskelreport-Interview über finanzielle Spielräume, notwendige Weichenstellungen und die langfristigen Ziele der Stiftung.
Herr Ganter, weshalb hat die DGM 2004 – also 39 Jahre nach ihrer Gründung – plötzlich eine Stiftung gebraucht?
Um den Jahrtausendwechsel hatten wir den zweiten Bauabschnitt der Bundesgeschäftsstelle errichtet. Ausgerechnet in der Bauphase, in der man alle liquiden Mittel einsetzt, gab es einen massiven Spendeneinbruch. In der Vorweihnachtszeit kam es in der Türkei zu einem schweren Erdbeben, weshalb Spenden vermehrt dorthin gingen. Das hat unsere Sinne dafür geschärft, auch im Hintergrund für mehr finanzielle Stabilität zu sorgen. Der Verein muss aus gemeinnützigkeitsrechtlichen Gründen seine Mittel unmittelbar verausgaben, darf nur begrenzt Rücklagen bilden. Ein anderer Grund war, dass wir immer häufiger von Mitgliedern darauf angesprochen wurden, ob wir ihnen beim Gründen einer Stiftung helfen könnten. Sie wollten ihr Geld eben langfristig angelegt sehen, was im Verein so nicht vorgesehen ist. Damit die Leute nicht viele kleine Einzelstiftungen gründen müssen, fanden wir es sinnvoll, eine eigene Stiftung zu gründen – mit der Option innerhalb der Stiftung, eigene Namensstiftungen zu gründen.
Mit welchem Kapital haben Sie angefangen?
Wir konnten eine Erbschaft von 50.000 Euro als Startkapital einsetzen. Zum Zeitpunkt der Gründung war zudem klar, dass es nicht bei diesem Betrag bleiben würde. Das Ehepaar Gründler stellte uns damals 650.000 Euro in Aussicht und die kamen auch relativ bald. Das blieb lange der Grundstock, weil wir nicht aktiv für weitere Zustiftungen und Spenden geworben haben. Die Stiftung soll nämlich nicht in Konkurrenz zum Verein treten. Im Gegenteil, sie hat nur einen Zweck, nämlich den Verein zu unterstützen. Wir haben die Stiftung immer als zusätzliches Instrument verstanden. Wenn ein Nachlass möglichst unmittelbar verwendet werden soll, zum Beispiel für die Forschung, dann bietet sich der Verein an. Soll die Nachhaltigkeit des Kapitals im Mittelpunkt stehen, dann ist die Stiftung die bessere Option.
Wie viel Geld konnte die Stiftung bislang an den Verein abgeben?
Insgesamt sind in 20 Jahren rund 350.000 Euro an den Verein geflossen. Es gibt Regularien, die besagen, dass das Vermögen der Stiftung erhalten werden muss. Wenn man zum Beispiel Immobilien besitzt, was bei der Stiftung der Fall ist, müssen wir die Abschreibungen erwirtschaften, weil sich das Vermögen sonst um die Abschreibungen vermindern würde. Dann hatten wir viele Jahre eine Niedrig- bis Nullzinsphase und sogar Minuszins. In so einer Phase ist es für eine Stiftung extrem schwer, Gelder zu erwirtschaften. Deswegen waren die Ausschüttungen in den vergangenen Jahren etwas bescheidener. Vor zwei Jahren haben wir eine große Erbschaft erhalten, wodurch sich das Vermögen der Stiftung mehr als verdoppelt hat. In Zukunft werden sich die Ausschüttungen dadurch sicher deutlich erhöhen.
Der Verein wird sich aber auch in ferner Zukunft noch um eigene Gelder bemühen müssen, um überleben zu können?
Der Ursprungsgedanke war tatsächlich, dass es ein großer Gewinn ist, wenn durch die Stiftungsgelder dauerhaft zum Beispiel eine qualifizierte Personalstelle finanziert werden kann.
Ich formuliere es einmal ganz böse: Man kann eine Personalstelle damit finanzieren, aber das bindet auch viel Kapital, das still herumliegt, mit dem man nicht in die Forschung investieren oder etwas Konkretes für Betroffene tun kann.
Das ist richtig, doch es geht darum, was die Personen wollen, die uns Geld geben. Ein Beispiel ist die große Erbschaft, die vor zwei Jahren kam. Ich hatte mit der Erblasserin dahingehend Kontakt, dass sie sagte, sie möchte eine eigene Stiftung gründen. Ihr erster Ehemann war an ALS verstorben, deshalb war naheliegend, dass es dabei um ALS-Forschung gehen soll. Dann habe ich ihr die Optionen aufgezeigt, die es bei der DGM gibt. Sie wollte das Geld auf keinen Fall an den Verein geben. Sie hat die Stiftung dann ins Testament geschrieben. Hätte es die Stiftung nicht gegeben, wäre das Geld wohl jetzt nicht für die DGM verfügbar.
Spinnen wir mal ein Worst-Case-Szenario: Der Verein muss aus finanziellen Gründen schließen. Bliebe die Stiftung dann bestehen?
Ja, die Stiftung würde bestehen bleiben. Da wir festgeschrieben haben, dass nur der Verein unterstützt werden soll, müsste sie dann aber einen neuen, sehr nah an dem ursprünglichen Zweck liegenden Verwendungszweck finden. Bei Auflösung der Stiftung ginge das Geld an den Verein, bei Auflösung des Vereins ginge das Restgeld an die Stiftung. Was passieren würde, wenn sich beide auflösen, weiß ich ehrlich gesagt aus dem Stegreif nicht. Darüber wollen wir aber gar nicht nachdenken.
Wie funktionieren Namensstiftungen? Könnten Sie theoretisch eine Horst-Ganter-Stiftung gründen, die nach außen hin für sich selbst steht, aber eigentlich ein Teil der DGM-Stiftung ist?
Ja, die sieht erst einmal für sich stehend aus, aber alles, was an die Horst-Ganter-Stiftung gehen würde, geht an die DGM-Stiftung. Diese sogenannten Namensstiftungen sind keine selbständigen Stiftungen, sondern eine Art Zweckbindung innerhalb der DGM-Stiftung.
Gibt es Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um eine Namensstiftung zu gründen?
Im Moment muss die Einlage in die Stiftung mindestens 30.000 Euro betragen. Das möchten wir aber auf 100.000 Euro erhöhen. Vor 20 Jahren wollten wir die Hürde nicht so hochsetzen. Man muss aber aufpassen, dass der Verwaltungsaufwand nicht zu groß wird. Deswegen haben wir gesagt, nach 20 Jahren kann man diesen Betrag anheben.
Ab welchem Betrag lohnt es sich generell, darüber nachzudenken, Geld in die Stiftung zu geben? Ich kann ja nicht mit 500 Euro zu Ihnen kommen?
Die Stiftung kann nicht nur Zustiftungen erhalten, sondern auch Spenden. Wenn jemand 50 Euro in die Stiftung spenden will, soll er es gerne tun. Solche Spenden werden dann wie beim Verein zeitnah ausgeschüttet. Bei den Zustiftungen kann man keine Summe benennen, weil das berühmte Kleinvieh auch Mist macht. Und zehnmal 10.000 Euro ergibt auch 100.000 Euro.
Es ist bestimmt anspruchsvoll, sich in das Stiftungsrecht einzuarbeiten. Wie haben Sie sich das Wissen angeeignet?
Ich bin Betriebswirt, da hat man eine gewisse Rechtsgrundbildung. Zum Gründungszeitpunkt war Dr. Gerhard Schaal Vorsitzender und er ist Jurist. Später kam Dr. Stefan Perschke – ebenfalls Jurist –dazu. Beim Regierungspräsidium gibt es zudem eine Beratung für Stiftungsgründungen, die wir in Anspruch genommen haben. Und der Rest kam durch Learning by Doing.
Und wie funktioniert das mit dem Vorstand? Wahlen wie im Verein gibt es offensichtlich nicht.
Wir wollten die Stiftung so handhabbar wie möglich machen. Zur Gründung hatten wir drei Vorstände: Gerhard Schaal, Anne Kreiling und mich. Da der Verein die Stiftung gegründet hat, hat der Vorstand des Vereins die Stiftungsvorstände benannt. Wenn nun ein Stiftungsvorstand ausscheidet, ergänzt sich der Vorstand selbst. Es gibt keine Wahl oder Amtsdauer. Im Prinzip ist man auf Lebenszeit Stiftungsvorstand. Wir grübeln derzeit, ob wir das ändern wollen.
Wie sieht es mit Joachim Spross aus, der nicht mehr Geschäftsführer des Vereins ist. Bleibt er im Vorstand der Stiftung?
Wir haben gemeinsam entschieden, dass er im Stiftungsvorstand bleibt. Da er nun Direktor der Stiftungsverwaltung Freiburg ist, kommt uns dadurch noch einmal eine andere Form von Kompetenz zugute. Wenn Mirko Bastian sich in seiner neuen Position als DGM-Geschäftsführer gut eingearbeitet hat, soll er auf jeden Fall auch in den Stiftungsvorstand. Laut Satzung kann der Vorstand aus bis zu fünf Personen bestehen.
Gibt es über Satzungsänderungen hinaus noch weitere Pläne für die Zukunft der Stiftung?
Wir wollen das Stiftungsvermögen zukünftig neu aufteilen, so dass wir 50 Prozent in Immobilien und 40 Prozent in Wertpapiere anlegen. Die zehn restlichen Prozent nutzen wir für das Tagesgeschäft –also zum Beispiel für Reparaturen der Stiftungs-Immobilien.
Sie wollen also einen größeren Fokus auf Immobilien legen. Weshalb?
Bei den Wertpapieren investieren wir in mehrere 1.000 Einzelfonds. Das ist so breit gestreut, dass Einzelausfälle praktisch nicht zu Buche schlagen. Wenn sich allerdings der Gesamtmarkt negativ entwickelt, dann erwischt es uns natürlich auch, wie die vergangenen 20 Jahre immer wieder gezeigt haben. Aufgrund der Weltlage weiß man nicht, wohin sich das alles entwickelt. In der Rückschau waren Immobilien immer eine stabile Wertanlage, wenn man nicht gerade irgendwelche Schrottimmobilien erwirbt.
Sie waren 24 Jahre Geschäftsführer der DGM. Seit acht Jahren befinden Sie sich im Ruhestand. Durch die Stiftung bleiben Sie der DGM aber treu. Wie viel Zeit investieren Sie in dieses Ehrenamt?
Es sind regelmäßig mehrere Stunden pro Woche. Meine Stiftungskollegen sind berufstätig, da landen bestimmte Dinge automatisch bei mir.
DGM-Stiftung
Die 2004 gegründete DGM-Stiftung sichert als rechtlich selbstständige Institution die langfristige Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V. Ihr Hauptzweck ist die Förderung von Forschung, Wissenschaft und Gesundheitspflege im Bereich neuromuskulärer Erkrankungen. Während der Hauptverein auf Spenden angewiesen ist, schafft die Stiftung durch ihr Kapitalvermögen ein dauerhaftes finanzielles Fundament für die Zukunft. Unterstützerinnen und Unterstützer können dieses Engagement nachhaltig durch Zustiftungen, Erbschaften oder gezielte Spenden stärken.
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