26.05.2026

Powerchair Hockey: Wie der Sport das Leben von Kinya Durguti veränderte

Kinya Durguti
Kinya Durguti

Autor: Stefan Mertlik

In der ersten Bundesliga des Powerchair Hockeys (PCH) beweist Kinya Durguti, dass Leistungssport und Muskelerkrankung kein Widerspruch sind. Der Sport veränderte nicht nur ihr Selbstbild, er bescherte ihr auch privates Glück.

Kinya Durguti sitzt fest angeschnallt in ihrem Sportrollstuhl. Ein Bauchgurt, ein Unterbauchgurt und ein Oberschenkelgurt fixieren die 37-Jährige. Mit der Hand am Steuerhebel wartet sie am Spielfeldrand auf ihren nächsten Einsatz. Die Sportlerin aus Waldalgesheim bei Mainz spielt in der ersten Bundesliga PCH. Bilder von den Spieltagen teilt sie auf Instagram. „Du bist nicht nur ein Mensch im Rollstuhl, sondern eine Sportlerin“, beschreibt sie das Gefühl, das ihr dieser Mannschaftssport gibt. 

Der Deutsche Rollstuhl-Sportverband definiert Powerchair Hockey als eine Indoorsportart, die von Technik, Taktik und Geschwindigkeit geprägt ist. Die Athletinnen und Athleten spielen fünf gegen fünf auf einem 26 mal 16 Meter großen Spielfeld. Dabei steuern sie ihre extra für diesen Zweck angefertigten Sportgeräte mit Geschwindigkeiten von bis zu 15 Kilometern pro Stunde. „Immer, wenn ich mich zurück in meinen normalen Rolli setze, denke ich mir: Was ist das für eine lahme Möhre“, scherzt Kinya Durguti.

Die Rheinland-Pfälzerin nutzt beim Spielen einen sogenannten Festschläger. Da ihre Armkraft aufgrund ihrer Muskelerkrankung nicht ausreicht, um einen Handschläger dauerhaft zu führen, ist das Spielgerät fest an der Vorderseite ihres Rollstuhls montiert. Eine ihrer zentralen Aufgaben auf dem Spielfeld ist das Blocken. Oder wie sie ihre Rolle im Team zusammenfasst: „Die gegnerischen Spieler nerven.“ Um Freiräume für ihre Mitspieler zu schaffen, versperrt sie Gegnern den Weg.

Ein Rollstuhl für das PCH kostet zwischen 15.000 und 25.000 Euro und verfügt neben der notwendigen Geschwindig- und Wendigkeit über einen robusten Rammschutz für andere und sich selbst. Damit die Spiele fair bleiben, nutzt die Liga ein Klassifizierungssystem. Jeder Spielerin und jedem Spieler wird abhängig von der körperlichen Einschränkung ein Punktwert zugeordnet. Eine Mannschaft darf auf dem Spielfeld maximal zwölf Punkte aufweisen.

Kinya Durguti
Auf dem Spielfeld blockiert Kinya Durguti gegnerische Spieler.

Dies stellt sicher, dass die Teams ausgeglichen besetzt sind und auch Menschen mit stärkeren Einschränkungen – zum Beispiel einer Beatmung – feste Spielanteile erhalten. Zudem sind die Teams gemischt: Männer und Frauen stehen gemeinsam auf dem Feld.

Kinya Durgutis Weg zum Hockey begann 2022. Auf der Mainzer Messe Inklusiva lernte sie Mitglieder des PCH-Teams Star Drivers kennen, das zum Verein Sportfreunde der Diakonie Bad Kreuznach gehört. Kurz darauf folgte ein Schnuppertraining. „Die Leute haben einen gleich aufgenommen“, erinnert sie sich. Sie habe sofort mitspielen dürfen. Bald kamen auch die ersten Erfolge: unter anderem die Vizemeisterschaft in der ersten Bundesliga in der Saison 2022/23. Die Stadt Bad Kreuznach ehrte sie 2024 für ihre Leistungen.

Hinter dem Ligabetrieb steckt ein beachtlicher Aufwand. Die Vereine müssen den Transport der schweren Sportgeräte zu den Spieltagen organisieren. „Rollstuhl-Hockey ist logistisch ein richtig krasses Unterfangen“, erklärt Kinya Durguti. Meist werden Busse gemietet, um sowohl die Alltags- als auch Sportrollstühle zu den Turnierorten zu bringen. Alle ein bis zwei Monate finden in dieser Saison Spiele in Städten wie Essen, Ludwigshafen oder Heidelberg statt. Jeder teilnehmende Verein richtet jeweils einen Spieltag aus. Noch größer wird der Aufwand, wenn internationale Turniere anstehen, wie zuletzt über Ostern in Tschechien.

Kinya und Ellton Durguti
Kennengelernt beim Training: Kinya Durguti und ihr Ehemann Ellton.

Die sportlichen Ambitionen im PCH reichen bis auf die internationale Ebene. Während Kinya Durguti mit ihrem Verein in der Bundesliga antritt, bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft derzeit auf die Weltmeisterschaft vor, die Ende Mai in Finnland stattfindet. „Da sieht man nochmal, auf welchem Niveau man diesen Sport spielen kann“, so Kinya Durguti. Die deutsche Mannschaft reist als Vize-Europameister an und zählt zu den Favoriten. Da die Nationalmannschaft nicht mehr mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, hätte eine Teilnahme jedoch fast nicht geklappt. Eine erfolgreiche Spendenaktion sicherte schlussendlich die Reise nach Pajulahti.

Alle zwei Wochen trifft sich Kinya Durguti mit ihrem Team für ein vierstündiges Training. Die Sporthalle bietet ihr einen Raum, in dem der Fokus auf Spaß und Gemeinschaft liegt. Und für sie hielt das PCH sogar eine sehr persönliche Wendung bereit: Bei ihrem ersten Training lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen. „Der Sport lohnt sich also auf jeden Fall“, sagt sie und lacht glücklich.

Powerchair Hockey – wie groß ist der Sport in Deutschland?

In Deutschland wird Powerchair Hockey seit den 1970er Jahren gespielt, erste Turniere folgten in den 1980ern. Die Bundesliga nahm ihren Spielbetrieb erstmals 2004 auf. Mittlerweile gibt es eine erste und zweite Bundesliga, in denen mehr als ein Dutzend Vereine antreten. Die deutsche Nationalmannschaft gewann 2010 den Weltmeistertitel. Mehr Informationen zum Sport gibt es hier: www.elektrorollstuhlsport.de/powerchair-hockey. Kinya Durgutis Team Star Drivers ist auf Instagram vertreten unter @sfd_star_drivers.